Mindset: Was tun bei aktivem und passivem Realitätsentzug im Management?

Vorstände und CEOs, Geschäftsführer und Top-Manager sind aktivem und passivem Realitätsentzug ausgesetzt, der sich derart schleichend entwickelt, daß sie ihn so wenig bemerken wie der Frosch die Hitze der immer heißer werdenden Herdplatte. Das Ende ist bekannt.

A – Wie kann es so weit kommen?

Nun, die Antwort ist einfach: Arbeitsteilung, Zeitmangel, fehlende Konzentration auf das Wesentliche sind die wichtigsten Faktoren des grassierenden Realitätsentzuges im Management.

In 3 Stufen wird dem Management Realität entzogen, was schließlich zu Realitätsverlust führt:

01 – Daten-Aggregation

Heutzutage vollkommen akzeptiert ist die Aggregation von Daten, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Was aber ist das Wesentliche?
In den Zeiten der Echtzeit-Ökonomie weiß man das leider nicht mehr im Vorhinein. Heute ergibt sich aus dem gerade noch Unwesentlichen sehr schnell eine einmalige Chance oder eine veritable Krise.

Den Aggregatoren kommt heute eine immense Verantwortung zu. Sie müssen erfahrene Entdecker, nicht mehr reine 'Erbsenzähler' und Excel-Experten sein. Hier geht nur noch wenig automatisch. Die 'Filter' müssen 'intelligent' werden.

02 – Informations-Verdichtung

Informationen werden immer stärker zu dem verdichtet, was vor einem Jahr – als man das letzte Mal darüber sprach – wichtig war. Dies wird zu einem immer größeren Problem. Der Filter des letzten Jahres ist längst überholt. Bei Daten und bei Informationen.

Immer noch gibt es informations-verdichtende Mediendienste, die dem Management eine vorselektierte Palette von Artikeln werktäglich zur Verfügung stellen. Diese sind ständig auf dem Stand von gestern während das Management im Morgen weilen sollte.

03 – Wissens-Filterung

Wissen veraltet so schnell wie der Fisch in der Zeitung von gestern. Niemand kann das für den Manager relevante Wissen vorfiltern. Wenn das ginge, wäre der Manager vorhersehbar, kalkulierbar, austauschbar – und damit im Grunde überflüssig.

Nur der Manager weiß, was für den Erfolg des Unternehmens wichtig ist. Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz, denn er kümmert sich nicht kontinuierlich um die Optimierung, Anpassung und Erweiterung dieses Wissens, sondern überläßt dies menschlichen, organisatorischen und hierarchischen Filtern.

04 – Folge: Realitäts-Verlust

Redundante, verschleiernde Daten, unvollständige, irrelevante Information und sinnloses, nicht ziel-führendes Wissen führen zu Realitätsverlust: der Manager begreift – im buchstäblichen Sinne – nicht mehr, was dort draussen vorgeht. Ihm fehlen Trends, Kontexte, Kausalitäten, Muster.

Das Management sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Der Realitäts-Verlust wird zum Teufelskreis sobald man auf dieser Basis die Ziele, Maßnahmen und Aktivitäten der Zukunft definiert.

B – Was sind die Konsequenzen?

Der Top-Manager kann weder Chancen noch Gefahren rechtzeitig ausmachen. Er bewegt sich in einem Meer von Daten, Informationen und Wissen, kann aber dessen Relevanz für die zukünftige Entwicklung (für den zukünftigen Erfolg oder Mißerfolg) nicht mehr qualifizieren.

05 – (Nicht nur) Weisheit verödet

Die Weisheit des Managers (so sie existierte) verödet, da sie nicht kontinuierlich der Realität angepaßt wird, um ihr antizipativ vorausgehen zu können. Weisheit nämlich besteht aus Erfahrung, Wissen und Gesundem Menschenverstand.

Erfahrung, Wissen, Gesunder Menschenverstand aber muß man sich wie einen Muskel vorstellen. Sie brauchen Nahrung, um gesund, kräftig und relevant für den Körper und seine Fortbewegung bzw. Lebensfähigkeit zu bleiben. Sie brauchen Bewegung, Training und Herausforderungen (im Sinne des Grenzen-Hinausschiebens).

Wer rastet, der rostet. Dies gilt für Muskeln ebenso wie für die Weisheit (bestehend aus Erfahrung, Wissen, Gesunder Menschenverstand!).

Mit der schwindenden Weisheit verliert man die Entscheidungs-Kompetenz, Visions-Fähigkeit und Intuition. Selbst die Reflexe werden eingeschränkt, verlangsamen und verkümmern schließlich. Die Sinne (Augen, Ohren, Geschmacks- und Tastsinn) werden schwächer.

C – Was ist zu tun?

Dem Realitätsverlust geht der schleichende Realitätsentzug voraus. Dort muß man ansetzen. Der Top-Manager muß dem Realitätsentzug vorbeugen. Bei sich und allen anderen Mitarbeitern des Unternehmens.

Unternehmenskultur

Das Management muß eine Kultur der Offenheit, Transparenz, Meinungsfreiheit und Kritikfähigkeit schaffen. Alle Daten, Informationen, alles vorhandene und verfügbare Wissen muß jederzeit hinterfragt werden dürfen – von jeder Mitarbeiterin, jedem Mitarbeiter des Hauses.

Das Management muß Abteilungs- und Hierarchie-Silos niederreißen und Kooperation und Kollaboration zwischen Abteilungen, Einheiten und Ebenen fordern und fördern.

Das Management muß wieder an die Front, es muß den Kunden und seine Bedürfnisse und individuellen Sehnsüchte kennen, nicht nur seine aggregierten Probleme.

Bei sich selbst anfangen

Das Management muß erkennen, welche versteckten Realitätsentzieher an jeder Ecken – auch im eigenen Vorzimmer – lauern. Jede Kumulation, Aggregation, jeder Filter, jede Selektion muß kontinuierlich hinterfragt werden. Egal, ob es die Vorstandssitzung, die Marktforschung, die PR-Agentur, das Controlling oder das eigene Sekretariat, die persönliche Assistenz ist!

Das für ihn relevante Wissen muß der Manager selbst selektieren. Das ist eine seiner vornehmsten Aufgaben als Vorstand oder CEO.

Konversation statt Splendid Isolation

Das Management muß zum persönlichen Gespräch zurückfinden. Untereinander, auf den Fluren, in der Kantine, auf der Strasse, in der U-Bahn, mit dem Chauffeur.

Neugier und Serendipität als Tugend

Das Management muß Neugier und Serendipität als Tugend betrachten und offensiv pflegen – bei sich selbst und jeder Mitarbeiterin, jedem Mitarbeiter.

Das Wichtigste zum Schluß: Der Anfang von allem > Vorbild sein

Das Management muß in all diesen Punkten schillerndes und inspirierendes Vorbild sein. Das ist schwieriger als man denkt. Man muß Vorbild sein, ob man gesehen wird oder nicht. In jedem Moment, in jeder Situation. Man muß das leben, was man predigt. Walk the talk!

Nur dann kann man der Realität vorausgehen, sie erfolgreich formen, zum Wohle der Menschen und des Unternehmens!

(Inspired by "Warum Manager nicht twittern", Matthias Schwenk)

UPDATE

13. April, 23:16 Uhr > "Debatte über Unternehmenskultur: Die fiesen Rituale der Business-Elite", Spiegel. Via Sargnagelschmiede.

02. Mai

11:04 Uhr > "Wer sich heute im Job sicher fühlt, hat vergessen, wie man einen Frosch kocht.". Roland Kopp-Wichmann (der auch unten kommentiert) hat sozusagen mein obiges, einleitendes Frosch-Gleichnis auf alle Arbeitnehmer erweitert, die sich zu sicher fühlen in ihrem Job. Und er hat recht damit: "eine eindringliche Metapher, wie Menschen sich an verschlechternde Umstände gewöhnen, wenn die Veränderungen schrittweise – und nicht auf einmal – eintreten".
Man kann es nicht oft genug sagen. Es wird immer wichtiger, sich selbst/ständig infragezustellen und weiterzuentwickeln.

3 thoughts on “Mindset: Was tun bei aktivem und passivem Realitätsentzug im Management?”

  1. Hallo Herr Schwarz,
    Sie schreiben: “Alle Daten, Informationen, alles vorhandene und verfügbare Wissen muß jederzeit hinterfragt werden dürfen – von jeder Mitarbeiterin, jedem Mitarbeiter des Hauses.”
    Mit Verlaub: das geht doch gar nicht. Das ist doch der Wunschtraum eines Perfektionisten. Natürlich ist dieser schleichende Realitätsverlust ein Problem, das man im Auge behalten muss, aber doch nicht durch noch mehr Information.
    Schon die Wahl des Zeitungsabonnements ist doch ein Filter. Auch die Zeitung selbst filtert. Ich lese auch nicht die ganze Zeitung – noch ein Filter.
    Auf der rational-verstandesmäßigen Ebene ist das Problem der Informationsflut oder -filterung nicht zu lösen. Versuchen Sie doch mal, aus fünf Bewerbern für eine Stelle, die fachlich alle geeignet sind, den “Richtigen” herauszufiltern, indem sie Informationen berücksichtigen bzw. die Filtermechanismen selbst prüfen.
    Die gute Nachricht: wir müssen es auch nicht. Denn schließlich gibt es das Bauchgehirn, die Intuition oder das bestimmte Gefühl, mit dem wir die meisten Entscheidungen treffen – und sie hinterher rational begründen (siehe Gerd Gigerenzer).
    Das Bauchgehirn arbeitet natürlich nicht fehlerfrei. Aber die digitale Informationsbeschaffung und Filterung auch nicht.
    Also, entspannen wir uns. 🙂

  2. @RKoppWichmann
    “Alle Daten, Informationen, alles vorhandene und verfügbare Wissen muß jederzeit hinterfragt werden dürfen – von jeder Mitarbeiterin, jedem Mitarbeiter des Hauses.”
    Nach den Buchstaben haben Sie natürlich recht: unmöglich!
    Es geht mir um die Kultur, die dies ermöglichen muß.
    Und es geht mir genau um diese Erkenntnis, die sie nochmal deutlich formulieren: auch Abo und Zeitung selbst sind Filter.
    Im Tagesgeschäft ist man sich aber der Filter nicht mehr bewußt und gerät sehr schnell in einen Informations- und Wissenstunnel, der das eigene Sehen und die eigenen Horizonte arg begrenzt.
    Und genau diese Intuition, die Sie anführen, kann sich überhaupt nicht optimal entwickeln, wenn wir ihr nicht eine profunde Basis zum Gedeihen zur Verfügung stellen.
    Die falschen Erfahrungen generieren eine ‘falsche’ Intuition.
    Wir liegen gar nicht so weit auseinander, meinen im Ende gar das gleiche.
    Es gibt Wichtigeres als Daten und Information, Wissen aber ist eine Basis der Intuition. Die Intuition müssen wir entwickeln – indem wir uns nicht in Elfenbeintürmen verschanzen, sondern uns kontinuierlich mit der Realität auseinandersetzen, statt uns ihr (bewußt oder unbewußt) zu entziehen.
    (zu Gigerenzer siehe auch hier: http://ralfschwartz.typepad.com/rsc/2009/04/gerd-gigerenzer-bauchentscheidungen.html )

  3. Realitätsentzug > Organisationen konstruieren ihre eigene Realität

    Im März 2010 schrieb ich an dieser Stelle Was tun bei aktivem und passivem Realitätsentzug im Management?. Letzte Woche rief mich dazu das österreichische Wirtschaftsblatt in Person Robert Prazaks an und stellte mir im Zuge der Entstehung eines ähnlich…

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