Die Großmannssucht des RWE

Leader müssen für ihre Überzeugungen kämpfen. Oft sehen sie nicht nur weiter als andere, sondern auch noch den Wald vor lauter Bäumen. Oft wissen sie mehr als andere. Erkennen Muster schneller als andere. Gehen ihren Kunden, ihren Aktionären, der Gesellschaft vorbildlich voran.

Immer öfter allerdings scheitern diese Topmanager kläglich. Immer öfter sind sie nur Manager, aber längst keine Leadership-Persönlichkeiten mehr.

Viel zu sehr schielen sie auf den Aktienkurs und den bequemen Erhalt des Status Quo ihres Unternehmens und der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Längst sind sie keine Unternehmer mehr, die die Welt gestalten wollen, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und die Regeln brechen, um neue Spielregeln gelten und neue Zeiten anbrechen zu lassen.

So, wie die Automanager die Autoindustrie in die Abwrackprämie getrieben haben mit ihrer Kurzsichtigkeit, so treiben uneinsichtige Manager wie Jürgen Großmann, RWE, die Energieindustrie endgültig ins Abseits.

Er sorgt mit seinem Verhalten nicht nur für eine Image-Krise bei RWE (die mit den neuesten Nachrichten auch bei den weniger Eingeweihten ankommt), sondern bei der gesamten Energieindustrie, die immer mehr zur Atom-Industrie verkommt.

Längst haben nach Fukushima die anderen Energieriesen erkannt, daß ihre Positionen nicht zu halten sind, und schickten ihre PR-Experten los, zu retten, was zu retten ist. Längst sind die Spin-Doctors unterwegs und unterminieren die sogenannte Ethik-Kommission, die prompt die Argumente der Industrie in der Rede führt, und versuchen die öffentliche Meinung zu benebeln.

Nur Jürgen Großmann möchte standhaft bleiben. Dies ist mehr als falsch. Leadership bedeutet Intellekt, Intuition und Imagination. Leadership bedeutet, ständig über sich hinauszuwachsen. Bedeutet voranzugehen, mit Neuem zu inspirieren, die Welt voranzubringen.

Viel zu lange sind viel zu viele Industrien schon dem falschen (dem Holzwege, könnte man in der Medienindustrie am bildhaftesten sagen) Wege verhaftet. Viel zu sehr sträuben sie sich gegen die allüberall erkennbaren Entwicklungen, Wünsche und Bedürfnisse der Menschen.

Die Kunst des Großmann wäre gewesen, vor allen und vor langem zu erkennen, wohin er seinen Konzern ausrichten muß. Wirklich voRWEgzugehen, wie seine Kampagne uns glauben machen möchte. Wirklich Taten und nicht nur hohle Worte sprechen zu lassen.

Er aber ließ nur seine Großmannssucht sprechen. Dies geziemt sich nicht für eine (vermeintliche) Leadership-Persönlichkeit.

Großmannssucht bringt im wahrsten Sinne des Wortes keinen weiter. Die Worte Jürgen Großmanns auf der RWE-Aktionärsversammlung könnten schneller als ihm lieb ist zu den berühmten 'letzten Worten' werden.