@thethirdclub: Misserfolgsstrategien alter Männer

(Crosspost meiner The Third Club Kolumne)

 

'Alt' zu sein und 'Mann' zu sein (bewusst oder
unbewusst) ist eine Geisteshaltung, kein Schicksal. Diese aber kann sich
heute keine Führungskraft mehr leisten.

"Verlage hätten Google erfinden können, Mediamarkt hätte ein
deutsches Elektro-Amazon werden können, die Deutsche Bank hätte Mobile
Payment und Micro-Credits entwickeln oder einführen können, die Bahn
könnte Mobilitätskonzepte anbieten und eMobilität vorantreiben, RWE
hätte vor zehn Jahren aus der Atomkraft aussteigen und heute
Weltmarktführer in grüner und nachhaltiger Technologie sein können,
Schlecker könnte DER deutsche eCommerce-Händler sein, und und und."
– wie ich gerade in unserer Wiwo-Kolumne (Mark Zuckerbergs Erfolgsregeln) schrieb.

Jörg Leupold sagt dazu "zu allem, nö. hätten sie nicht". Nö, hätten sie natürlich nicht, wenn sie erst jetzt bemerken, was sie schon vor 10-15 Jahren hätten bemerken können: "Die alten Rezepte funktionieren nicht mehr" (BMWs
Reithofer). Anders formuliert: die Rezepte der 'alten' 'Männer', die
natürlich auch jung und auch weiblich sein können, funktionieren nicht
mehr.

Sie müssten die Denke von Herrn Zuckerberg haben – die ich bei der Wiwo aus Marks Brief zum Facebook-Börsengang so zusammenfasste:

– "Done is better than perfect.
– Move fast and break things.
– The riskiest thing is to take no risks.
– Focus on solving the most important problems.
– Focus every day on how to build real value.
…In anderen Worten: Act – Don't Talk!"

Act – Don't Talk! – Mark formuliert es in seinen Unterlagen so: "Our culture emphasizes rapid innovation and prioritizes user engagement over short-term financial results". Schöner hätten wir es (zB für den Club) auch nicht formulieren können.

Die 'Alte-Männer'-Denke ist eher – und man habe dabei die obigen Unternehmen im Hinterkopf:

– Je enger es für die Unternehmen auf den Märkten wird, desto enger
definieren sie die Märkte, um sich ihren Marktführer-Status zu erhalten –
das Gegenteil wäre sinnvoll.

– Je enger es für die Profite wird, desto eher spart man am Personal,
seiner Qualität, seiner Innovationsfreude und seinem Engagement. Jetzt
heisst es Dienst nach Vorschrift, Sperenzchen dieser Art können wir uns
nicht mehr leisten.

– Je klarer der eigene Misserfolg wird, desto stärker kreiert(!) man
Markteintrittsbarrieren (Outspending Competition, Handelsrabatte und
-zuschüsse) – oder lässt das direkt die Nanny namens Politik erledigen –
statt sich auf neue Märkte zu wagen.

– Je klarer der eigene Misserfolg wird, desto stärker erhöht man die
Dividende (Apple zahlt gar keine, wenn ich mich recht erinnere).

– Un/bewusst kreiert(!) man längst 'arrogante’, 'ignorante' und
'intolerante' Systeme, Strukturen und Prozesse. Un/bewusst starrt man
ausschließlich auf die gleichen (nichtssagenden) Charts, Wettbewerbs-
und Zielgruppen- und Zukunfts-Analysen wie die Wettbewerber (eine ganze
Industrie lebt davon). Competitive Advantage!?

Übrig bleibt der
(Tunnel-)Blick auf das, was man sehen möchte. Perfekt – statt Intellekt,
Intuition und Imagination des Einzelnen und des Unternehmens zu heben
und effektiv zu nutzen.

Je enger dieser Tunnelblick, desto geringer die kristalline
Intelligenz des Alters, die auf (Allgemein-)Wissen beruht. Statt die
fluide Intelligenz der Jugend zu nutzen, mit ihrer Mustererkennnung,
Problemlösungskompetenz und Abstraktem Denken.

Märkte werden längst vom angestrebten Marktanteil (oder der
Marktforschung) definiert – statt von zukunfts- bzw.
konsumenten-relevanten Nutzen, Werten oder Lösungen.

Übrig bleibt das weinerliche Lamentieren über schrumpfende Märkte und
Erlöse (die man per Definitionem selbst herbeigerufen hat, was man aber
seiner Bundeskanzlerin nicht erzählt).

Übrig bleibt der wehmütige Blick auf die erfolgreiche Vergangenheit,
die besseren Zeiten, den schrumpfenden Status (Quo). Statt mit Neugier,
Forscherdrang und Beginner’s Mind an die (digitalen) Zeichen der Zeit
sich heranzuwagen, sie beim Schopfe zu packen.

Erfahrung wird schließlich immer stärker in Jahren denn in Erfolgen gemessen.

Kurzsichtigkeit auf allen körperlichen und geistigen Ebenen ersetzt
strategisches und/oder nachhaltiges Marken-, Markt- und
Geschäftsmodell-Denken.
Warum sollte man auch noch?

Die Zeit vergeht immer schneller, die Musik wird immer lauter und
immer weniger melodisch. Die Jugend ist immer weniger wie man selbst
'damals' war – dabei erinnert man sich bloß nicht mehr. Das Neue ist
Bedrohung statt Herausforderung.

Worte werden plötzlich immer wichtiger, scheinen einziger Ausweg,
obwohl die Marke immer weniger zu sagen hat – statt Taten sprechen zu
lassen. Denn dafür müsste die Marke zuallererst das Unternehmen selbst
durchdringen. Und wir alle kennen all die schönen Worte, die uns umso
stärker als Hohn erscheinen, je weniger die Marke im Service, hinter der
Ladentheke, im direkten Kundenkontakt gelebt wird.

Stattdessen langweilt man mit Monologen, mit ablenkendem
Entertainment. Mit Penetranz statt Relevanz: mit Millionen-Budgets und
viel zu vielen Kontakten mit unsäglicher Werbung. Obwohl es @brandpoems
so schön heißt: Dear Brand, "Don’t Raise Your Voice, Improve Your Argument".

All dies erinnert an einen Gordischen Knoten – und er wird nur durch
Selbsterkenntnis (oder Einfluss von Aussen) zu durchtrennen sein.

Epilog: Jörg Leupolds (und Olaf Kolbrücks) Lösung war die Ausgründung schneller, kleiner, flexibler Unternehmen.

Gerne – wenn deren Chefs nicht von 'alten' 'Männern' ausgewählt
werden, denn dann ist nichts gewonnen, siehe Air Berlin, Congstar, …

 

(Einige, spannende Kommentare findet Ihr unter der Kolumne bei The Third Club)