Der Luxus und die Moden – Marke: alles pracci! [mind-box-magazine no.06 // jan 2004]

(Background: “Diese Serie repostet meine ‘täglich aktuelleren und wahreren’ mind-box-magazine Cover Long Reads – ohne sonstige Anpassungen der Kleinschreibung, des ß und manchen Fehlers in Programmierung und Texten.

Oberhalb der Texte findet Ihr Original-Cover/Bilder. Folgt dem Link in das facettenreiche Innenleben des Mags. Es gewann zwei Lead Awards, Silber 2004 / Gold 2005. Enjoy!

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alles pracci!
[mind-box-magazine no.06 // jan 04]
[0] bigger than life! (what life?)
[1] nach dem leben und vor dem nirwana : der tod
[2] temptation without a cause
[3] in vollen zügen sterben
[4] re-invent yourself! add relevance!

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[0] bigger than life! (what life?)

aus mike bravos wasserdichter uhr tropfte die erste halbe stunde auf den weißen leopardenteppich und hinterließ einen malariagelben fleck, der fortan etiennes chronische unpünktlichkeit dokumentieren sollte.
(die chamäleon-zeit, a dream within a dream)

wir wollen die marke inhalieren. ihren idolisierenden charakter uns ummanteln lassen. ihren duft uns in konzentrischen kreisen umschweben lassen. wollen mittelpunkt werden. sein. für immer. durch sie. nur ihr ist es möglich uns über die masse des alltäglichen des durchschnittlichen hinauszuheben. uns schweben zu lassen. unseren träumen entgegen. vergessend unser leben. verdrängend unsere lage. träumend von der allmacht der marke. von der allmacht des ich.

– er rief es ihnen zu. sie hörten ihn nicht mehr.

wenn er an marken dachte, dachte er an jil sander, an chiquita, prada, nokia, gucci, an rotwild, armani, an apple, chanel, evian, …
nicht an toilettenpapier, autos, provider, uhren, musiksender, …
er dachte an harald schmidt, an ibm, madonna, guggenheim, revox, vogue, geo, elle, …
nicht an anke engelke, britney spears, nicht an fernsehsender, …

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[1] nach dem leben und vor dem nirwana : der tod

in einem verkohlten kirschbaum fror ein silbrig glänzender eisvogel blaukalt vor sich hin. sein blasser teint zeugte von einem langen winter.
(ice bird)

und während die einen es nicht mehr hören, weil sie sich längst von allem weltlichen entfernt haben, sind die anderen längst wieder beim mehr als weltlichen angelangt.

sind ein paar stufen runtergestolpert und sehnen sich nach den grundbedürfnissen der maslow´schen pyramide. wollen zur abwechslung gute qualität zu vernünftigen preisen kaufen.

sind immer noch überzeugt, daß der euro der teuro ist und daß sie von politikern, markenproduzenten, restaurant-besitzern verarscht werden.
während berater wiederum die politiker verarschen, aber das steht auf einem anderen blatt.

sehnen sich also nach mehr wert und weniger preis.
sehnen sich nach mehr leben und weniger – mit verlaub – scheiß.

haben eh kein eigenes leben mehr. alles geliehen. nicht nur das geld fürs auto, die wohnung. all die statussymbole. sondern auch die sicherheit. den ruhm. die bekanntheit. den erfolg der marke. ihr image. die hoffnung, daß all dies vom logo abfärbt.

auch das leben geliehen. abgeguckt. das leben der superstars. der persönlichkeiten. die längst keine mehr sind. nur noch bekanntheiten. und britney? ‘hat soviel geld, daß es nichts gibt, was sie sich nicht kaufen kann!’

schöne positionierung. hut ab, daß sie voller überzeugung diesen satz in mtvs kamera sagen kann. mein idol. mein superstar. ich will so werden wie du. über die marke?
ooops, i did it again.

die marke ist inzwischen ein umweg geworden. eine umleitung. ein schatten ihrer selbst. ein schemen in der nacht. gefangen im spagat zwischen vermeintlich notwendiger abstraktion und unvermeidlich totaler auflösung. diesen spagat aber schafft nur ein poet (siehe auch: mind-box no.10/03 – the poet will die!).
ja, wir reden hier explizit auch von den ganz normalen produkten des täglichen lebens wie du und ich.

hofft der markenmacher im stillen noch, die marke ins marken-nirwana ‘kult’ zu heben, so ist er doch längst zu weit gegangen und segelt sie mit preisaktionen, taste-flankern, verjüngungen, umpositionierungen hart am rande des todes.

gibt ihre spitze zugunsten der breite auf und verläßt den sicheren grund, um sich selbst in den mittelpunkt zu stellen. coole idee. geht aber leider nur mit wahren persönlichkeiten. mit relevanz. mit au…, ja auch mit schmerzen, aber ich meine au-thentizität. erlaube ich dies, ist sogar individualität möglich – eigentlich antipode zur marke. gar zur massenmarke, igitt.

da individualität sowieso immer nur ein versprechen, niemals aber realität der marke sein kann, muß / darf die individualität nur im kopfe des rezipienten entstehen. bloß nicht im produkt selbst. unglaubhaft. nicht authentisch. opportun. billig. meist kommt es dann zu den berühmten werbeflächen baumelnd an den unterarmen der damen. louis vuitton, hermes, etc. preisschilder ohne relevanz. denn wer glaubt noch – betrachtet er die dame -, daß diese tasche echt sein könnte? die dame jedenfalls ist es nicht!

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[2] temptation without a cause

trotz der augenscheinlichen anlehnung an die zelte der frühen tundranomaden war die angelsächsische punktsymmetrie, … für den sachkundigen zweiten blick eines aufgeschlossenen beobachters raumbeherrschend.
(die chamäleon-zeit, roxannes haus)

aus einem potsdamer entree lächelt uns die längst erstarrte fratze des ewigen wunderkindes an. modelliert aus dekadent verfaultem fleisch. geschnitten aus den portemonnaies der reichen und schönen.
und tom ford bleibt nichts weiter, als seine behaarte brust zu zeigen und über die hornhaut an seinen füßen zu parlieren.
prada läßt die marke jil sander den bach runtergehen. zum glück ist der mensch jil sander wieder da.
und jette? taste-flanker von papa marke joop? du mußt die intelligenz von deiner mutter haben. ich habe meine ja noch.

auch die kampagne des markenverbandes ‘… kommt mir nicht in die tüte’ konnte den konsumenten weder ihre werte, noch den glauben an die marke zurückzugeben.

die marke ist nur noch ästhetische kulisse. nicht mehr teil des lebens. nicht mehr teil der lösung der probleme dieser welt.

und der macher verdrängt sie noch. zeigt das reine produkt. den schriftzug. egalisiert. um über sich selbst zu differenzieren. heimlich zuerst. wirft die marke zu den anderen marken in den großen maggi-suppentopf. läßt sie konkurrieren mit den anderen. läßt sie um die wette laufen um die gunst des rezipienten. hetzt sie zu tode. effizienzhürdenlauf. was übrig bleibt ist die melange des durchschnittlichen. alles eine sosse. alles pracci!

in ermangelung von klasse in der zielgruppe. in ermangelung von differenzierung im produkt. in ermangelung von körper und geist in der marke. lehne ich mich aus dem fenster und feiere mich selbst. den macher. den designer.
und erhebe mich. schwing mich auf zum retter der marke. und noch eine million für mich. und noch eine. und der tod der marke wie wir sie kannten als konsequenz.

rebel without a brain. temptation without a cause. kein anders sein. keine rebellion. keine auseinandersetzung mit bestehendem. keine anklage. keine kritik. keine vision. keine alternative. kein wagnis. kein risiko. keine kreativität. keine emotion.

und verführung ohne emotion. ohne unvernunft, ohne leidenschaft, liebe, begehren. ist nunmal nicht so einfach zu realisieren. da wird schnell aus der verführung eine verfehlung. eine vergewaltigung. des konsumenten. aber der kann sich ja wehren. oder der marke. und die wehrt sich spät. wenn der macher schon längst irgendwo anders vorstandsvorsitzender ist.

hochpreisexklusivität. wie langweilig. wie hohl. wie kurzfristig. wie wenig bindend. wie wenig befriedigend. wie wenig wertvoll.

wie sagt holger jung: der verbraucher läßt sich gerne verführen, wenn man sich entsprechend mühe gibt. ihn überrascht. positiv verblüfft. ihn fasziniert. und das, sage ich, schaffen nur noch die wenigsten.

warum nicht über sich selbst hinauswachsen? warum sich nicht selbst begeistern? wenn es schon kein anderer mehr tut?
warum nicht einfach alles infragestellen? warum nicht verunordnen? offen sein? zuhören? bescheiden sein? zuhören? der marke. ihren verführungen. ihrem herzen. ihrem pulsschlag. der da immer leiser wird.

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[3] in vollen zügen sterben

ein lauer, etwas verfrühter mittwochnachmittagswind fuhr sanft aber bestimmt durch sein haar.
es war halb so lang wie schwartz. der honig, garant für form und fülle, tropfte hemmungslos auf seinen bernsteinfarbenen jackson pull.
(die chamäleon-zeit, alles endete)

die marke hat sich längst verabschiedet vom nirwana. wurde zu sehr gehetzt. war zu ambivalent. ist zu unreif. hat sich entschlossen, ihr irdisches dasein zu genießen. ihrem macher zu dienen. nicht umgekehrt.

oder hat der macher sich entschlossen, daß die marke nun ihm dient? hat sich entschlossen, daß nun beide das leben in vollen zügen genießen wollen?

warum nur waren die unternehmer, die eigentümer, erfolgreicher als die manager? warum sind kultmarken kultmarken? warum sind die meisten produkte me-toos und die meisten innovationen nicht das papier wert auf dem sie verkauft werden. ans management. den aufsichtsrat. die aktionäre. die konsumenten?

inzwischen: die marke stirbt in vollen zügen. wäre doch schön … balance … im einklang mit sich selbst … in sich ruhend … nicht zu begehren könnte hier zur balance führen. zum einklang … drängler … töten wahre innovation. qualität. markenimages. positionierungen (siehe auch mind-box no.09/03 – ich begehre Nichts!)

stirbt nach jahren an rabatten, offenen und versteckten preisaktionen, gewinnspielen, 20-25% mehr inhalt. doppel-packs. koop-aktionen.
und rabatte, so michael bache, sind das gegenteil von selbstbewußtsein.
seltsam. ist gewachsen. der umsatz. war erfolgreich. die marke. trotzdem. quantitativ. klar. aufgesprungen auf die vielen züge.

an den schönsten plätzen finden wir sie. die marke. entweder auf einem beleuchteten plakat oder auf dem boden, als abfall. tempo. hasseröder. mcdonald´s. coca cola. gesprungen. gefallen.
und tun auch alles, um uns weiter an diesen plätzen erfreuen zu können. durch ihre allgegenwärtige präsenz. die ubiquität des markenartikels. die wiedererkennbarkeit der marke.
finden sie in jedem werbeblock. fröhnend dem immer mehr. immer lauter. immer öfter. immer das gleiche. conquest of the redundant. wettbewerb des überflüssigen. will ich jedem gefallen, so gefall ich keinem. so gefall ich keinem.

aber manchmal ist es noch gar nicht der tod. nur eine near-death experience.
man öffnet die augen. ist ein neuer mensch. lebt immer noch. und beginnt das geträumt gesehene zu realisieren. zu verwirklichen. eine neue marke. kult? vielleicht.
wenn man die chance nutzt. ehe es zu spät.

die verantwortung in unserer gesellschaft. vorbild zu sein. werte hochzuhalten. dem profanen entgegenzuwirken. der banalisierung. bollwerk zu sein in der brandung des alltäglichen. der schleichenden qualitätsminimierung. der transzendierung alles natürlichen. gesunden. und lebensnotwendigen. der negation des nachhaltigen. des ideellen.

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[4] re-invent yourself! add relevance!

das am morgen erstandene aftershave von araman iis hatte er in streifen aufgetragen, damit ihn sein duft auch hier, in der mit zigarettenrauch geschwängerten atmosphäre des clubs, in konzentrischen kreisen umschweben konnte.
(die chamäleon-zeit, a dream within a dream)

die marke braucht aspiration. ein streben. ein ziel.
haben marken nicht eine besondere aufgabe? sie werden bewundert. verehrt. warum sind sie dann so sinnentleert? warum sind sie keine vorbilder mehr? warum haben sie keine leitfunktion mehr? warum trauen sie sich nicht, eine meinung zu haben? sie zu vertreten? warum leben sie nicht das ideal vor? warum kennen sie nicht mal das ideal?

authentizität und relevanz gehören zu den core features der zukünftig erfolgreichen marke. der eigene weg. my way. ecken und kanten. verunordnung. kreativität. revolution. freiheit. individualität. selbstbewußtsein. selbstbewußtheit. mut. liebe.
und natürlich entsprechende macher. poeten eben.

und : die wahre marke kennt überhaupt keine konkurrenz!
better be pracci! rief ich ihnen zu. think about it!

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| In diesem Sinne!
| #stopmakingsense
| Wir sollten reden!

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