Es gibt keine größere Einsamkeit als die des Privatpatienten, es sei denn die des Managers im Unternehmen

“Nachdem ich spätabends auf der Krebsstation meine behandelnden ÄrztInnen kennengelernt hatte, eröffnete man mir, ich käme am nächsten Morgen rüber auf die Privatstation. Da gäbe es u.a. Buffet-Verpflegung.
Ich antwortete trocken und endgültig: “Sorry Freunde, ich bin nicht wegen des Buffets hier!”. Ohne Worte.

Ich blieb bei meinem ÄrztInnenteam und lernte u.a. Sergiy kennen, der später an seinem Krebse starb. …

Die Krebsstation ist eine wundervolle Melange unterschiedlichster Menschen und Schichten, gefangen für einen schier unendlichen Moment an der Schnittstelle zwischen Leben und Tod.

Doch selbst dort, am vorläufigen Ende unseres bisherigen Lebens, wehren wir uns, Kontakt aufzunehmen mit dem Ungewohnten, Fremden, Unbekannten. Auch mit dem Fremden (ja, doppeldeutig) und Unbekannten in uns selbst.

Wehren uns, den Schritt hinaus zu wagen aus unserer Comfort Zone des vermeintlich guten Geschmackes, der antiseptischen Katalog-, Reader’s-Digest-, AD-Kultur, die uns Sicherheit geben soll, und doch nur unsere unendliche Unsicherheit kaschiert.

Scheuen uns, statt die Chance zu nutzen, unseren Horizont zu erweitern, Menschen jenseits unserer Schicht, Einkommensklasse, Interessen kennenzulernen. Uns einzulassen auf die Vielfalt des Lebens, der Möglichkeiten und Persönlichkeiten um uns herum.

Verweigern uns, statt den simplen Schritt vom Ein- in das Zweibettzimmer zu wagen. Uns zu öffnen dem Zufall, dem Donner und den Blitzen der Nähe des Anderen, seinen Eigenarten, seinem Charakter, seinem immensen, mentalen Wohlstand, den er unserem Leben hinzuaddieren kann – und wir seinem. …

Woher sonst sollen sie kommen, die Ideen, die Innovationen, wenn nicht aus dem Mitmenschen selbst, der Kommunikation und Interaktion mit ihm.
Woher sonst soll er kommen, der Initialfunke des Neuen, wenn nicht aus der Reibung an und mit dem Nachbarn, Mitreisenden, Mitleidenden.

… unsere letzte Chance, wieder Mensch zu werden. Ganz so wie wir es in der Kindheit waren.”

#stopmakingsense
#savingsomesouls #savingsomelives


[Repost vom 10. Juni 2014 – meine Wiwo-Kolumne ‘Berühmte letzte Worte’]
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