Panem und Politik

Wiedermal zeigt sich, dass Politik nur noch Glasperlenspiel einiger Eingeweihter vor ahnungslosem Publikum ist. …

Das Spiel
Längst wird das Spiel nicht mehr gespielt, um zu gewinnen. Der Sieg wird im Vorfeld unter den Spielern aufgeteilt.
Das Spiel dient der Unterhaltung des Publikums.
Alle paar Jahre darf das Publikum die Spieler bestimmen. 3 Wochen lang feiert man mit wilden Plakatorgien und buhlt mit ebensolchen Versprechungen um die Gunst des Publikums.
Alle 20 Jahre wird – zum Andenken an die Demokratie – ein neuer Spieler zugelassen.

Die Ältesten berichten, das Spiel sei früher von den Weisesten des Landes gespielt worden, um den mentalen und geistigen Wohlstand aller Menschen (damals: Bürger) des Landes zu mehren. Bürger waren wohl Menschen, die noch aktiv in das Spiel eingegriffen haben.

Die Regeln
Die Regeln werden von den Spielern unter Ausschluss des Publikums definiert. Das Regelwerk zu kennen, könnte das Vertrauen des Publikums in das Spiel zerstören, lautet die Begründung der Spieler. Das ist recht und billig und nachvollziehbar.

Von der Mehrheit der Spielparteien authorisierte, verdiente Fan-Gruppen (Banken, Energie-, Automobil-, Waffenindustrie und Schützen) dürfen Regeln beitragen, um ihren Spaß am Spiel zu erhöhen.
Dafür verpflichten sie sich, den Parteispielern einen Altersruhesitz zu garantieren, ihre Gewinne zu mehren, dafür zu sorgen, dass das Spiel nie endet.

Die hervorragendsten Regeln sichern das Spiel gegen Einfluss von Wandel und Fortschritt ab. Das Spiel ist zu wichtig, um es gesellschaftlichen oder technischen Trends und Moden, gar der Zukunft der Menschheit zu unterwerfen.

Die Regeln selbst sind zu einfach als dass man sie hier wiedergeben muss.

Die Spieler
Die Parteispieler sind Quereinsteiger, entsprechend hoch ist die Qualität ihres Spieles. Länder-, Bundes-, Europa-Liga sind ebenbürtig besetzt.

Die Spieler sind wohl Naturtalente, sie brauchen keine Vorbildung.
Ihr Verstand, ihre Reaktionszeit und Reflexe werden geschärft durch das Spiel selbst. Sie sind nur dem Spiel und ihrem Gewissen verpflichtet. Sie haben kein Gewissen.

Das Spielfeld
Die Welt ist ihr Spielfeld. In den allermeisten Fällen jedoch sieht man sie nicht auf dem Spielfeld selbst, sondern vor den Spielstätten bei der glorreichen Ankunft oder Abfahrt in ihren Triumphwagen.

Meist sieht man sie über lange Gänge gehen und wichtig aussehen. Das imponiert ihren Gegnern. Diese Dynamik begeistert Fans und Publikum. Sie sind ständig auf dem Sprung. Lächeln können sie, aufgrund der Wichtigkeit ihrerselbst und ihrer Aufgabe, nur auf den millionenschweren, von massivem Polizei- und Milizaufgebot bewachten Endspiel-Gipfel-Erinnerungsphotos für die Familie.

Das Spielfeld wird kontinuierlich mit der besten Sicherheitstechnik gegen Kritik, Blasphemie, Meinungsfreiheit und sonstigen Terror demokratiefest gemacht.

Das Publikum
Mit hartzigem Brot wird das Publikum begeistert, mit Sensationen unterhalten. Wöchentliche Allensbach-Befragungen überprüfen seinen Pulsschlag.
Mit unterdurchschnittlicher Bildung werden die angeboren Neu- und Wissbegierigen auf das Niveau der Parteispieler eingestellt.
Im Regel-Labyrinth von Gesetz und Verbot verliert das Publikum schnell die Orientierung über Gut und Böse. Dies zeigt ihm seine Unzulänglichkeit und lässt es verstehen, warum es Publikum und nicht Spieler ist.

Durch die Negierung ihrer natürlichen Triebe werden sie domestiziert, sterilisiert und schließlich zivilisiert. Erotik, Sex gar und Gefühle werden in das Reich der Erinnerung verbannt. Das Spiel übernimmt diese Rolle.

Die allermeisten Menschen sehen sich das Spiel längst nicht mehr an. Für sie ist nicht wichtig, wer spielt oder wer gewinnt. Wichtig ist allein, dass gespielt wird. Sie haben verstanden, dass das Spiel der Motor der Welt ist, die Bäckerei ihres Brotes.

Längst ist klar, dass das Publikum keinen Einfluss hat auf das Spiel, die Spieler oder die Regeln. Längst ist klar, dass das Publikum mit seinem Leben und seiner Zukunft für dieses Spiel zahlt. Längst ist klar, dass dies trotzdem die beste aller Welten für das Publikum ist.
Das Publikum ist den Spielern ewig dankbar, dass sie ihm das Denken abnehmen und zeigt das auch.

Die Schiedsrichter
Die Klasse der Schiedsrichter hat sich den alten Namen ‘Vierte Gewalt’ gegeben, dessen ursprünglicher Sinn aus der Erinnerung der Menschen leider längst gelöscht ist.
In Erinnerung an irgendeinen alten Käse schreiben sie sich heute ‘IV. Gewalt’.

Für die Ehre des Schiedsrichtertums müssen die Auserwählten ihr Rückgrat abgeben. Dafür dürfen sie den Spielern nah sein, sie auf ihren Reisen in ferne Länder und Welten begleiten. Sie sind Teil des inneren Kreises des Spieles.

Schiedsrichter sind Medien, sind Seher, sind Empfänger spiel-gesteuerter Vibrationen, die das Publikum nur mit ihrer Hilfe empfangen kann. Diese Medien vermitteln das Wissen, die taktischen Entscheidungen und Gedanken der Spieler an das breite Publikum.

Parteispiel-gesteuerte und vom Publikum finanzierte TV- und Radio-Sender sorgen für das aufregungs-, nachrichten- und wissenslose Grundrauschen der spielerischen Desinformation. Dieses Equilibrium der Macht sorgt für den Bestand des Spieles über das Denken der Menschen hinaus.

Lang lebe das Spiel!


[Repost vom 19. Juni, 2009.]