Adidas-, TUI-, Audi-Vorstände oder Die Deutsche Krux

Mein Facebook-Intro zum folgenden Repost: “Ah, das waren noch Zeiten als “17 Spitzenmanager” noch 16 graue alte Männer und 1 Frau waren. > “Adidas-, TUI-, Audi-Vorstände oder Die Deutsche Krux” … über Mobilität, Konsumenten, Social Media – was habe ich gelacht als ich das 2012 schrieb. Heute ist das zum Glück alles gaaaanz anders”.

Adidas-, TUI-, Audi-Vorstände oder Die Deutsche Krux

Ein bißchen nervös werde ich, sobald deutsche Vorstände ein Buch schreiben. Die Erfahrung lehrt, dass dies in den allermeisten Fällen in die Hose geht. Auch bei deutschen Beratern übrigens. Oder Marketing-Leuten, oder, oder, oder. Wissenschaftler nehme ich mal aus, da habe ich in sehr vielen Fällen sehr gute Erfahrungen gemacht.

Nun also haben 16 deutsche Männager und Miriam Meckel (vom Titel her das spannendste Kapitel des ganzen Buches) ihren Geist kumuliert und ein Buch namens “Erfolg im Digitalen Zeitalter – Strategien von 17 Spitzenmanagern” publiziert.

Statt mir das Buch zu kaufen, meine Zeit mit dessen Rezension zu verbringen und mich vielleicht danach zu ärgern, möchte ich einfach den Titel des Buches mit wenigen Wirtschaftswoche-Zitaten 3er Buch-Protagonisten konterkarieren. Das reicht dann schon.

Facebook-Präsenz als pars pro toto:
“Wirtschaftswoche: … Bei Facebook sind Sie aber nicht präsent. Bleibt der digitale Wandel für Sie Theorie?

Frenzel: Ich war mal bei Facebook – und bekam sehr schnell sehr viele Freunde, mit denen ich eigentlich nicht befreundet sein wollte. Es war nicht einfach, sich da wieder auszuklinken. Raus kam ich nicht mehr, aber ich habe mich stillgelegt.

Stadler: Als ich mich bei Facebook anmelden wollte, haben meine Kinder gesagt: Bloß nicht. Sonst erfährst du ja alles über uns. Da habe ich es dann gelassen.

Und was hinderte Sie, Herr Hainer?
Hainer (lacht): Meine Tochter ist dabei. Einer aus der Familie muss reichen.”

Da lachte, lächelte, ich mit. Es blieb mir kurz danach im Halse stecken:
“Hainer: … Mal im Ernst, es hängt doch nicht am Facebook-Profil, ob man den dramatischen Wandel mitbekommt, zu dem die Digitalisierung die Wirtschaft treibt.”

Recht hat er – ohne zu wissen warum -, denn als facebook in Deutschland weitere Kreise zog, war der Internet-Zug ja längst abgefahren. Das erinnert mich irgendwie daran als Jahre zu spät Agenturen und Medien plötzlich die Stärke von Google erkannten.

Konsumenten-Involvement & Ko-Kreation:

Da Herr Stadler den letzten Audi mit den Worten “wir begannen mit einem weissen Blatt Papier” oder so ähnlich bewarb und doch wieder das gleiche Auto dabei herauskam, wird er auch diese, seine Worte tatsächlich glauben und ernst meinen:
“Stadler: … Wir glauben auch, dass der Kunde bei millionenfacher Wahlfreiheit in der Produktkonfiguration schon die Möglichkeit hat, sein neues Auto selbst zu designen.”

“Hainer: Zuhören sollte man schon, denn über das Netz kommen manchmal wirklich sehr gute Anregungen: Unser nächster WM-Ball, der 2014 in Brasilien eingesetzt wird, heißt Brazuca.

… Unsere Konsumenten in Brasilien haben den Namen ausgewählt. Wir haben die über das Fernsehen gebeten, sich einen Namen einfallen zu lassen und uns Vorschläge zu schicken. So kann man die Konsumenten einbinden.”

Innovation & Customization:

“Hainer: … Adidas hat mittlerweile 32 Millionen Fans auf Facebook. Die diskutieren beispielsweise darüber, wie der Messi Fußball spielt, aber nicht, ob er schlecht spielt, weil ihn vielleicht unser Schuh drückt. Insofern wird das Image einer Marke durch die Netzwerke stärker geprägt als das Produktportfolio.”

Vorbildfunktion & Inspiration:

“Warum sitzen Ihre Unternehmen dann nicht mit am Tisch, wenn die Kanzlerin diese Woche diskutiert, wie Deutschland den Rückstand in der IT gegenüber anderen Ländern verkürzen kann?

Stadler: Weil wir schon weiter sind – unsere Unternehmen sind global aufgestellt. …”
Man lasse sich die Erklärung dazu auf der Zunge zergehen:
” … Audi ist seit einiger Zeit auf der Consumer Electronic Show in Las Vegas präsent: einerseits, weil wir dort unsere Modelle als rollende Mobile Devices vorführen. Andererseits, weil wir uns informieren wollen, was in der schnelllebigen Welt der Consumer Elektronic passiert. Dort haben wir sehr früh realisiert, dass 3-D-Grafiken Standard werden, nicht nur für PCs, sondern auch bei der Navigation im Auto. Und dort lernten wir, wie wichtig es ist, unsere eigenen Produktzyklen mit denen der IT-Branche zu koordinieren. Deshalb haben wir einen Modularen Infotainment Baukasten entwickelt, der unsere Techniker in die Lage versetzt, in Modellen wie dem A3 überholte Grafikhardware gegen die neueste Generation auszutauschen.”

Früher – ohne diesen “Modularen Entertainment Baukasten” – haben wir das Autoradio einfach ausgebaut und gegen ein neues ausgetauscht. Was das aber mit Globaler Aufstellung zu tun hat?

Vision, Strategie(!), Zukunft:

“Schuhe brauchen die Menschen immer.
Hainer: … Aber sie werden mehr können als nur den Fuß zu schützen. Sie werden intelligent sein, Chips besitzen und dem Träger, aber auch anderen, eine Vielzahl von Informationen liefern. Wir können unseren Kunden schon heute ein individuelles Trainingsprogramm aufs Smartphone spielen, das auf den Messwerten aus unseren Laufschuhen basiert. …”

Wow.
Ich habe mir gespart, zu eruieren, seit wievielen Jahren dies schon mit Nike + iPod möglich ist.

Unter Vision hätte ich verstanden, wie wir den Produzentenländern (und Menschen) unter die Arme greifen, wir den Schuh als Müll vermeiden, wie man natürlich abbaubare Bekleidung und Schuhe produziert … neue Sportarten, Märkte, etc. entwickelt, Medium wird…

“Und wie verändert sich das Auto?

Stadler: Autos werden ihre Farbe auf Knopfdruck wechseln, weil im Lack Nanotechnik steckt. Wir arbeiten darauf hin, dass ein Wagen künftig genau weiß, wann die nächste Ampel auf Rot schaltet und wo Gefahren lauern. Und es wird sicher auch einmal Realität, dass ein Auto allein zum Waschen und Nachladen fahren kann oder den Fahrer auf Wunsch chauffiert. Technisch gesehen sind wir vom pilotierten Fahren gar nicht mehr weit weg.”

Nochmal wow. Vorsprung durch Technik. Die Farbe wechseln.
Kein eAudi. Kein Hybrid. Kein Wasserstoff – oder gar reines Wasser. (Und Mobilitätskonzepte wurden ja schon zuvor als nicht so spannend abgetan.)

Keine Lösung für den Verkehrskollaps in der Stadt oder auf der Autobahn. Keine Lösung für die ’emerging countries’ deren Wachstum zum Klimakollaps führen wird. Keine Lösung für die Menschen, für die längst mobile Geräte status-generierender sind als Autos (auch wenn Herr Stadler seine Autos weiter oben ‘mobile devices’ nennt).

“Erfolg im Digitalen Zeitalter – Strategien von 17 Spitzenmanagern”. Soso.
Da bleibt einem wahrlich das Lachen im Halse stecken.

Aber das ist die Krux mit Deutschland und seinen Managern. Klar, erfolgreich. Aber kein bißchen über den Tellerrand hinausschauend. Weder in die Zukunft, noch nach links und rechts.

Was hätte das für ein phantastisches Buch werden können über all unsere Shortcomings, unsere Herausforderungen und Chancen als Land, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft!?
Welche eine flammende Brandrede über unsere miese Position in der Welt der Digitalisierung, Bildung, Wirtschaft und Innovation!?
Statt dieser ‘Friede, Freude, Eierkuchen’-Nabelschau unserer Vorstands-Millionäre!?

Wenn wir nicht sehr bald verstehen, dass es um mehr geht als uns selbst, und um mehr als Gimmicks, sondern um Relevanz, Werte, Nutzen und wahre Lösungen, um Handlungen und nicht leeres Geschwätz, werden wir ebenso bald die Quittung für unsere Arroganz und Ignoranz bekommen.


[Repost vom 16. Nov 2010.]