Edison: Briefe an Tesla // 06 “50 Jahre nach Mondlandung und ’68: Im Land der Gaslampenleu(ch)te”

Lieber Nikola,
Geschichte wiederholt sich auf denkbar dümmste Art, und weise ist sie erst recht nicht. Schon bald werden wir gar keine mehr schreiben können.

Statt 50 Jahre nach der Mondlandung längst intergalaktische Raumfahrt zu wagen, wissen wir nichtmal mehr, was das überhaupt bedeutet.
Statt längst in einer neuen Gesellschaft, gar auf Niveau einer Föderation der Planeten zu leben, präferieren wir statt Enterprise den Niedrigpreis, leben die Ausbeutung, den Imperialismus, das Ich!Ich!Ich! – Jetzt!Jetzt!Jetzt! – Alles!Alles!Alles! unseres Reptilienhirns, benehmen uns wieder wie der sprichwörtliche Mammutjäger in der Metro.

Statt 50 Jahre nach ’68 längst die wahren Möglichkeiten unseres Hirnes und des Internets auszuschöpfen, missbrauchen wir seine unendliche Kraft, seine unendliche Weisheit, seine unendlichen Möglichkeiten allein zur Vergrößerung – und Verbreitung – unserer unendlichen Dummheit. Das Internet folgt längst dem Weg unseres Hirnes den Bach hinunter.

Statt 50 Jahre nach ’68 längst die wahren Möglichkeiten von Jugend, Aufbruch, Studententum, Opposition und Regierung zu nutzen, uns endgültig über den Neandertaler in uns zu erheben, wahre Weltpolitik zu betreiben, die Erde mit Herz und Hirn vor uns selbst zu retten, reanimieren wir ihn mit allein triebgesteuerter Vehemenz.

Zivilisation ist wieder vornehmlich Kriegsschauplatz längst analog der Masern ausgerotteter Barbarei und entsprechend abstruser Männ- und Dämlichkeitswettbewerbe. Längst aufgegeben wurde die verzweifelte Suche nach intelligentem Leben auf der Erde.

Statt den Kapitalismus überwunden zu haben, begehen die Wirtschaftswissenschaften, die Geisteswissenschaften Selbstmord auf Raten, verraten ihre höchsten und gleichzeitig simpelsten Grundregeln; hat doch längst der Pawlowsche Reflex die Herrschaft über ihre höheren Hirn- und Regierungsfunktionen übernommen, statt, wie es sich gehört, Wirtschaft und Politik zu trennen und diese sich gegenseitig kreativ und innovativ herausfordern zu lassen. Ausnahmsweise zum Wohle aller Menschen und nicht allein zum Profite der allerwenigsten.

Das Establishment, die Einfalt, der Mann beweisen längst, dass sie weder die Welt vor dem leider allzu Menschlichen retten, noch die Menschheit in eine glorreiche Zukunft werden führen können.
Längst katapultieren sie uns zurück in die Zeit der Gaslampenleu(ch)te. Glauben besiegt wieder wissen, Dummheit besiegt Klugheit, Anklage den Aufbruch, das Opportune das Sinnvolle, das Kurzfristige das Langfristige.

Dabei kann uns allein das kluge Amalgam aus Frau, Vielfalt und Engagement retten, geschweige die Menschheit in eine glorreiche Zukunft führen.

Ich bin es müde, lieber Tesla, noch länger die Schönheiten der Ozeane durch den Boden von Plastikflaschen zu betrachten. Müde, die Machbarkeiten des Möglichen durch den Bodensatz marginaler Managerhirne zu beurteilen. Müde, die niedersten Selbsterhaltungstriebe der Politik auf die höchsten Herz- und Hirnfunktionen reagieren zu sehen. Müde, dies als pragmatisch-beherztes Handeln verkauft zu bekommen.

Ich bin es müde, lieber Tesla, mich zu echauffieren über die allzu mächtigen Kräfte des Verharrens, der Rückwärtsgewandheit, der Versuche des Menschen, die Erde in Trippelschritten zu seinem Paradiese zu machen, und doch immer wieder so kläglich egoistisch zu scheitern, dass allein (s)eine Hölle daraus wird – ua da er keine Quantensprünge wagt.

Lieber Tesla, lassen Sie uns Gleich- und Wechselstrom zum Initialfunken vereinen, den Urschlamm geistiger Ödnis des modernen Menschen wieder zum Leben zu reanimieren, zu Großem, zu Einzigartigem zu erleuchten, statt im Sumpfe des wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen Tagesgeschäftes langsam, qualvoll und elend zu verrecken.

In diesem Sinne, lieber Tesla: Frohes 2019!

Ihr
Thomas A Edison