Ein paar Gedanken über alles – Neujahr 2013/14

(Disclaimer: Was ganz gut wäre: wenn die kruden Gedanken, die man des nachts zu Papier bringt, am nächsten Morgen jemand verbessert hätte, auf dass sie einem nicht zum Verhängnis werden.
Aufgrund der Kontinentaldrift der Zeit wäre das doch möglich, oder?)

2013. Dieses Jahr ist wieder nichts passiert. Wieder hat sich nichts geändert. Niemand hat sein altes Leben beendet. …

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Ein Jahr älter bin ich geworden.
Ein Jahr wütender.
Ein Jahr weiser.
Ein Jahr ungeduldiger.
Ein Jahr ruhiger.
Ein Jahr aufgeregter.
Ein Jahr unaufgeregter.
Ein Jahr milder.
Ein Jahr unnachgiebiger.

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Jedes Jahr länger lässt mich die Dinge klarer sehen. Jedes Jahr länger lässt mich mehr ver/zweifeln. Jedes Jahr länger lässt mich mehr den Glauben verlieren. An die Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Jedes Jahr lässt mich klarer sehen, den Glauben verlieren. Klarer sehen, glauben. Klarer glauben …

Ändere ich deshalb mein Leben? Natürlich nicht. Ändere ich mich? Natürlich nicht. Ich lenke mich mehr ab. Ich lasse mich unterhalten. Ablenken. Liebe die Umleitungen. Geniesse die Baustellen. Bleibe in Bewegung. Versuche nicht, schlauer zu sein. Bleibe abgelenkt. Verdumme. Verstumme. Bleibe dem Trash verpflichtet. Den Spielen. Der Show. Dem Sport. Den Milliarden dankbar, die unser Leben so schnell und reibungslos vergehen lassen. In den Taschen der Automatenindustrie, der Spirituosenindustrie, der Medien, der Politik. Coca-Cola.

Ich konsumiere, abstrahiere, negiere. Vergesse, ignoriere. Werde beherrschbar. Regierbar. Kalkulierbar.

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Ich liebe. Ich liebe das Leben. Ich kämpfe um mein Leben. Ich kämpfe. Ich kämpfe, aber ich lebe nicht. Ich bin die Ratte, die einst ein Hamster war. Erinnerungen sammelte, Memories, Momente, des Schönen, des Guten, blablabla. Im Hamsterrad. Meine Geschwindigkeit selbst bestimmend. Im Kettenkarussel, meine Höhe wählend. Heute Ratte, morgen Gott. Also, mit dem neuen Firmenwagen jedenfalls. Da kann mir keiner was. Da bin ich King, da habe ich es geschafft. Da gucken die Nachbarn, die Exfreunde, die  Klassenkameraden, die einst Kinder waren, Vertrauen verdienten, Geheimnisse teilten. Heute alte, grauhaarige Männer, Egozentriker vor dem Herren. Betrüger ihrer Frauen, der Frau an sich, Blender einer ganzen Generation. Hasardeure anderer Leute Geld.

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Bin nicht erst in diesem Jahre erkrankt. War schon lange tot. Die Gier der Menschen. Die Verneinung ihrer Sterblichkeit. Das Gelaber ohne irgendeine Konsequenz. Wir reden uns die Sch*** schön. Jeden Tag. Allüberall. Wir schmeissen mit Ausnahmen um uns. Haben den Diskurs verlernt. Können nur hupen, Stinkefinger zeigen, beleidigen. Sind zu dumm, zu kurzsichtig, zu wenig gebildet für Argumente, die Diskussion, die Wahrheit, die Ehre, das Rückgrat, die Zivilcourage.

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Alles kotzt mich an, aber es ist mir gleichzeitig sowas von egal. Ich schaue weg, gaffe nichtmal mehr. Wem soll ich davon erzählen? Wer regt sich denn noch auf? Und warum sollte er auch? Der tägliche Shitstorm ist keiner mehr.

Es gibt längst keine Höhen und Tiefen mehr. Nur Peaks. Aufreger. Aufschreie. Auch nicht mehr als ein kleiner Pieks. Von berufsmäßig Aufgeregten. ReiterInnen auf der Welle der selbsterzeugten Empörung, geifernd nach Bekanntheit, dies missverstehend als Vorbildschaft. Nicht begreifend die Entmündigung der wahren Opfer, sich einmischend, sich hervortuend, sich zum Sprachrohr machend, statt einfach mal die Klappe zu halten und den Menschen im Menschen selbst sich zu Wort melden zu lassen.

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Dieses Jahr hat nichteinmal ein vernünftiges Schimpfwort hervorgebracht. Keinen Politiker, den man hassen oder lieben kann. Nur alles Ton in Ton, Grau in Grau, blöd in blöd. Nichts, was hängenbleibt. Seit 20 verdammten Jahren, kein Song, kein Film, kein Nichts in den Top Ten der letzten Jahre, kein letzter Schrei der Mode, kein Star. Zustände, zu Terror geronnen.

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Jedes verdammte Jahr wirft uns 100 Jahre zurück. Längst verbrennen wir wieder Hexen, verbrennen Bücher, verdammen das Wissen selbst und erst recht seine Verbreitung.

Griechen, Römer, Ägypter, Perser, Chinesen, et al waren zu ihren besten Zeiten weiter als wir heute. Wir waren zu unseren besten Zeiten weiter als wir heute. Was nur ist aus uns allen geworden? Wie konnten wir das geschehen lassen?

Wie konnten wir all das vergessen, was uns die Kirchen vergessen lassen wollten im Namen der Herren (nicht der Herzen) und wie konnten wir all das nie lernen, was uns die heutige Politik verheimlichen will im Namen des Mammon?

Wer nur hat uns das Herz und das Hirn lobotomisiert?
Und wer hat es nicht gemerkt?