Silvester – ein Tag wie jeder andere

Gute Vorsätze – das ist immer so eine Sache. Meist sind es doch nur First-World-Problems. Kinderkram – wie zum fünften Male mit dem Rauchen aufzuhören, abzunehmen, zuzunehmen.

Zeugs, das uns das Jahr lang zu schwierig, zu unerreichbar erscheint. Kleine Spiegelchen, die uns unsere unterjährige Unzulänglichkeit vor Augen halten, uns zusammenzureissen, konsequent an uns, unserer Beziehung oder Zukunft zu arbeiten, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren.

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Selbst wenn man 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche vor Silvester im Bett liegt, die Deckenfarbe einen nicht ablenkt, der Ventilator der Unterdruckklimaanlage und das rhythmische Klappern der Pfleger hinter der Luftschleuse die Alphawellen motivieren, wird man auf keinen guten Vorsatz kommen, auf keinen, der den Namen verdient, keinen, der relevant ist, ein wirklicher Quantensprung wäre.

Wie sollte man auch? Gerade am letzten Tage der letzten Woche des Jahres? Dieses Jahres, in dem einem 364 mal schon nichts einfiel? In dem man 364 mal schon keine Vision für sein Leben entwickelte? 364 mal schon murrend aufgestanden, mittags am Schreibtisch eingeschlafen, abends wieder ins Bett gefallen ist?

Wenn man sein Leben 8.752 Stunden nicht im Griff hatte, wie dann plötzlich in den letzten Stunden des Jahres?

Die Wandlung des Menschen zum Besseren, das ist wohl eher etwas für Weihnachtsgeschichten, in denen Menschen sich aufgrund einer blöden Weihnachtsgeschichte zum Besseren wandeln. So mir nichts, dir nichts.

Da muss schon ein wenig mehr passieren, dass Menschen ein neues Bewusstsein entwickeln, über sich hinauswachsen wollen, sich und damit die Welt zum Positiven verändern, weiterentwickeln wollen.

Kein Wunder, dass sich die Pofallas und Merkels und Middelhoffs immer mehr trauen, immer hemmungsloser ihre Vorsätze auf unser aller Kosten realisieren. Immer gieriger, immer materialistischer, immer kurzfristiger denken und handeln.

Wir erlauben es. Stillschweigend. Weil wir keine guten Vorsätze mehr haben. Keine Phantasie, keine Vision, wie unser Leben, unsere Zukunft empathischer, wärmer, zufriedener werden könnte. Weder an Silvester, noch an irgendeinem anderen Tage des Jahres. Wir haben ihnen anscheinend nichts entgegenzusetzen. Nichts. Keine Werte, Moral, Ethik.

Lassen lieber 525.600 Minuten ungenutzt verstreichen. Indem wir wegschauen. Die anderen machen lassen. Uns leise unerhört echauffieren. Uns damit ersatzbefriedigen. Unsere Lebenskräfte und Lebenszeit verschwenden. Nicht auf unseren Bauch hören. Wider besseres Wissen nicht handeln. Nicht aufbegehren, nicht protestieren.

Lassen lieber unsere 525.600 Minuten ungenutzt verstreichen. Statt diese halbe Million Minuten mit den jeweils 525.600 Minuten unserer 81 Millionen Mitbürger zu verschmelzen. Uns zu sammeln, zu finden, zu einen. Uns zu einigen. Darauf dass es so nicht weitergehen kann. Nicht ohne gute Vorsätze. Nicht ohne Ziele und Vision. Nicht ohne Rückgrat. Nicht ohne Empathie. Nicht ohne Gewissen.

Silvester – auch nur ein Tag wie jeder andere?
Nur wenn das unser Vorsatz ist.


Repost vom 03. Jan, 2014